DIE HEITERKEIT
Die Welt ist untergegangen. Es geschah gegen Mitternacht, die meisten Menschen haben geschlafen. Stella Sommer hat den Vorfall glücklicherweise beobachtet und mit »Ob wir noch zu retten sind« ein neues Album von Die Heiterkeit darüber geschrieben. Auf den 18 neuen Liedern macht Stella Sommer das Verlorengehen zur Kunstform. Und zwar in allen verfügbaren Größenordnungen: Man kann sich in sich selbst verlieren, in einem anderen Menschen, in einer Stadt, in der Zeit oder gleich in absolut biblischem Ausmaß. Bei »Ob wir noch zu retten sind« handelt es sich um zwei eigenständige, in sich geschlossene Alben, die zusammen ein größeres Ganzes ergeben.
Die ersten neun Lieder bilden das erste Album und stehen stärker in der Tradition des klassischen Folksongs. Die Songs der zweiten Platte spannen den Bogen weiter, zu orchestraleren Arrangements und klassischem 60er-Jahre-Pop. Beide Albumteile wurden weitgehend live aufgenommen, einschließlich des Gesangs Das klingt vermeintlich unkompliziert, gehört jedoch in Wahrheit zu den anspruchsvolleren Disziplinen des Musikmachens. Die verblüffende Präzision und Leichtigkeit, mit der Die Heiterkeit dieses Album eingespielt hat, lässt eher an ein Folktrio aus dem Greenwich Village der 60er Jahre denken als an eine Berliner Band von 2026.
Auch ihre Sprache widersetzt sich der Berechenbarkeit. Stella Sommer besaß schon immer eine besondere Begabung dafür, die großen menschlichen Verunsicherungen mit wenigen, scheinbar mühelos hingestellten Worten auf den Punkt zu bringen. Auf „Ob wir noch zu retten sind“ treibt sie diese Kunst noch weiter. »Es liegt in der Luft« ist eine fiebrige Bestandsaufnahme der Gegenwart und eine wilde Inventur der Bedrohungen, die von allen Seiten kommen: Das Unheil sitzt in den Bäumen, tropft von der Decke, stolpert auf der Treppe und hängt schief am Firmament. Eine Endzeitpredigt ohne Kanzel, fünf Minuten Größenwahn in Bestform, Ein Song, der die ganze Welt mitsamt ihren Ausreden und den letzten halbwegs funktionierenden Orientierungshilfen komplett verschlingen will. Und der sich benimmt, als wäre er das letzte Lied, das jemals geschrieben wird.
Wer Stella Sommer für eine düstere Gestalt hält, bekommt auf diesem Album endlich recht. In »Alles, was du über mich gehört hast, ist wahr« steigt sie als langfingriges Wesen mit fünf Köpfen und ausgesprochen bedenklicher Einstellung zum Kindeswohl von einem Turm herab. Sämtliche gruseligen Gerüchte über sie bestätigen sich mit schauriger Endgültigkeit: Stella Sommer ist nicht die Frau, die im finsteren Wald vor den Ungeheuern warnt. Sie ist diejenige, vor der die Ungeheuer ihre Kinder warnen.
Dauer: ca. 70 Minuten
Präsentiert von Rolling Stone, Byte.FM und Drift Booking.











